Ins Netz gegangen 22.3.2025
Bucket List
Yael Ronen und Shlomi Shaban
Eine musikalische Produktion
REALITY Gaby Dey / CLARA Tara Helena Weiß / ROBERT Leonard Wilhelm / TЯƎBOЯ Volker Muthmann
LIEBE Tirza Ben Zvi / KIND Germán Hipolito Farías / RAUSCH Paweł Malicki
BAND Johannes Mittl (Klavier) / Jens Nickel (E-Gitarre, Violine) / Simon Seifert (Schlagzeug) / Marla Stier (Kontrabass, E-Bass)
Regie Aureliusz Śmigiel / Co-Regie und Choreografie Valentí Rocamora i Torà / Musikalische Leitung Johannes Mittl / Bühne Jósef Halldórsson / Kostüme Laura Yoro / Vocal-Coaching Julia Hansen / Dramaturgie Sonja Bachmann / Regieassistenz Florian Elias Ott / Soufflage Natasha Pandazieva / Inspizienz Bénédicte Gourrin / Regiehospitanz Laura Froböse / Kostümhospitanz Ronja Kirschke / Choreografiehositanz Alma Nossek / Dramaturgiehospitanz Henrike Möhle / Übertitel Henrike Möhle, Julia Nagy
Technische Leitung Marcus Weide / Produktions- und Werkstattleitung Lisa Hartling / Assistent der Technischen Leitung Henryk Streege / Technische Einrichtung Thomas Tessenow / Beleuchtung Michael Lebensieg / Tontechnik Julian Wedekind (Leitung, Einrichtung), Bernd Schumann (Einrichtung) / Maske Frauke Schrader (Leitung, Einrichtung), Renée Donnerstag (Einrichtung), Michelle Piehler (Einrichtung) / Requisite Sabine Jahn (Leitung, Einrichtung) / Kostümausführung Ilka Kops (Leitung), Heidi Hampe, Stefanie Scholz / Malsaal Eike Hansen / Schlosserei Robin Senger / Dekoration Regina Nause, Axel Ristau / Tischlerei Maren Blunk
Aufführungsdauer ca. 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause
Produzent der Uraufführung
Schaubühne Berlin
Alle Anfragen für Aufführungsrechte sind zu stellen an Carstensen & Oegel International GmbH
Probenfotos
Thomas Müller
Anton Säckl
Bild- und Tonaufnahmen sind während der Vorstellung nicht gestattet.
»Eine Collage aus Erinnerungsfetzen« …
… wird er erleben, heißt es in dem Song »Were I stand«. Und wir folgen Robert durch diese Collage, die aus seinen Erinnerungen und denen anderer besteht und die er in Kauf nimmt, um aus seiner posttraumatischen Belastungsstörung herauszufinden. Ronen und Shaban erzählen hier zum einen natürlich die Geschichte eines einzelnen Mannes, aber seine Geschichte ist symptomatisch für unsere gesamte Epoche. Diese ist unter anderem geprägt von einer großen Zahl an Menschen mit PTBS, von einer Gesellschaft im Dauerstress und von der Frage, was uns zu den Personen macht, die wir sind.
Hier finden Sie zwei Texte, die sich mit Traumata in der Gesellschaft in belastenden Krisenzeiten und dem Zusammenspiel von Erinnerung und Persönlichkeit auseinandersetzen.
Trauma, die emotionale Wunde
Trauma ist: »Zu viel, zu schnell, zu plötzlich.«, sagt der US-amerikanische Traumatologe Peter Levine. (…) Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Wunde«. Trauma ist eine seelische Verletzung, die von einem Ereignis, von einer Erfahrung herrührt, die einen Menschen überwältigt hat. Normalerweise verarbeiten wir alle Ereignisse und Erfahrungen in unserem Leben so, dass sie zu uns gehören und ein Teil von uns werden. Wir ordnen sie ein, geben ihnen einen Platz in unserer Erlebniswelt und integrieren sie in unseren Erfahrungsschatz als Zugewinn unseres Selbst. Im Grunde befinden wir uns tagtäglich in einem ständigen psychischen Verdauungsprozess, der Dinge aufnimmt, verarbeitet und integriert. An diesem Prozess sind unsere Sinne, unser Gehirn, unser zentrales Nervensystem, unsere körperlichen Abläufe genauso beteiligt wie unsere Gefühle und Gedanken.
Trauma entsteht, wenn eine Erfahrung gemacht wird, die für den normalen Verarbeitungsprozess »zu viel« ist und unser Nervensystem überfordert ist. Unser Körper aktiviert den Überlebensmodus und sorgt dafür, dass wir aus der überwältigenden Situation aussteigen. Im Erfahrungsprozess entsteht ein »Riss«, sodass das Erlebte nicht wie üblich verarbeitet und verdaut, sondern abgespalten wird. Der Schreck bleibt jedoch im Körper gespeichert. In der Seele verblasst das Ereignis mit der Zeit das Erlebte kann verdrängt oder sogar vergessen werden, der Körper aber vergisst es nicht.
Trauma
Bei traumatischen und lebensbedrohlichen Ereignissen reagiert unser Gehirn seit Urzeiten nach einem bestimmten Schema, das in unserem Stammhirn fest verankert ist. Die Traumatherapeutin Dami Charf beschreibt: »Traumata nehmen im Gehirn eine besondere Stellung ein. Sie sind tief im Stammhirn gespeichert, und jede Erinnerung an ein altes Trauma löst den Überlebensreflex aus. Dadurch wird die Vernunft quasi ausgehebelt. Traumatische Erlebnisse sind sehr prägende Lernerfahrungen, da sie mit großer Angst gekoppelt sind. Das Gehirn setzt deshalb alles daran, sich dieses Erlebnis zu merken und wie wir es überlebt haben. Das führt später zu vielen Fehlschlüssen im Gehirn und damit zu frustrierenden und schmerzlichen Erfahrungen.« (Dami Carf: Alte Wunden können heilen, München 2022)
Stellen wir uns vor, wir würden plötzlich vor einem Säbelzahntiger stehen, der wie aus dem Nichts auf uns zukommt. Wir wären augenblicklich in einer lebensbedrohlichen Gefahrensituation. Wir würden erschrecken, und unser Gehirn würde in den Überlebensmodus schalten. Mit dem Schreck setzt die Fokussierung ein, das heißt, wir konzentrieren uns mit dem »Tunnelblick« auf die Gefahr, die vor uns liegt, und blenden alles andere aus. Unser Wille ist wie stillgelegt, und das Stammhirn diktiert unser Handeln.
Der normale Gleichgewichtszustand – ruhiger Puls und Atmung – wird verlassen, und der Körper geht in eine Stressreaktion über. Vereinfacht können wir folgende Zustände definieren, aufsteigend nach relativer Gefährlichkeit:
1. Flucht vor der Bedrohung
2. Kampf gegen die Bedrohung
3. Erstarren gegenüber der Bedrohung (Totstellreflex).
Der Überlebensmodus ist eine intelligente Reaktion, die uns in realen Gefahrensituationen schützt und unser Überleben sichern kann. Wir laufen, so schnell es geht, davon. Oder wir greifen mit Wucht die Gefahr an. Wenn in der Gefahrensituation Flucht oder Angriff zwecklos erscheinen, greift die Erstarrung, ein Einfrieren, bei dem unser Körper noch alle Energie zusammenhält, um gegebenenfalls zu fliehen. Dauert die Überwältigung jedoch an, kollabieren wir innerhalb der Erstarrung. Der Muskeltonus erschlafft, der Blick wird starr, Puls und Atmung fahren herunter.
In diesen lebensbedrohlichen Ausnahmezuständen fallen normalerweise zusammenhängende Bereiche unserer Psyche wie Denken, Fühlen und Handeln auseinander. Betroffene beschreiben diesen Zustand so, als wäre ihr Kopf oder das Bewusstsein vom Rest des Körpers abgelöst, sie haben kein Schmerz- oder Körperempfinden mehr, und der Körper fühlt sich an, als wäre er nicht vorhanden. Die Raumwahrnehmung verändert sich, und die zeitlichen Abläufe dehnen sich aus und verlangsamen.
Wenn die Bedrohung vorüber ist, kehrt das Nervensystem idealerweise in sein Gleichgewicht zurück, und das Erlebte wird ohne große Nachwirkungen in die Erfahrungskette eingereiht. Ist jedoch das Erlebte oder der Schock zu groß, wird das Nervensystem überfordert. Der Körper speichert den Schreck. Die körpereigene Regulation kann das Erlebte nicht verdauen, weil die Reize zu stark waren oder zu oft wiederholt wurden. So entsteht das Trauma als eine unverarbeitete Erfahrung, aus der sich Traumafolgestörungen entwickeln können wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). (…)
Soziale und kollektive Traumata
Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat alle tief erschüttert. Wir waren mit unserer eigenen Fassungslosigkeit und Angst konfrontiert. Angst vor Krieg. Die Gesellschaft befand sich kollektiv von einem Moment auf den anderen in schrecklicher Sorge. Forschte man in Deutschland nach, welche die größten Befürchtungen waren, die uns in schlaflose Nächte trieben, dann waren es diffuse Ängste. Angst vor der Bedrohung, vor dem Krieg, vor Tod, Armut, körperliche Verletzungen und Verlusten. Angst vor dem dritten Weltkrieg und vor der Ungewissheit. Oft auch eine Mischung aus allem. Manche spürten auffällig auch gar nichts. Sie beschrieben eine unerklärliche Gleichmütigkeit, eine emotionale Taubheit. (…)
Viele unserer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern lebten, kämpften im Zweiten Weltkrieg und zum Teil sogar in der Ukraine oder wurden vertrieben. (…) Kann es sein, dass überwältigende Erlebnisse unserer Vorfahren sich jetzt zusätzlich als kollektiver Schatten in unserer Psyche und in unserer Kultur zeigen?
Und wenn ja, was unterscheidet das Kollektive von der bloßen Summe seiner individuellen Teile? Die Forschung steht hier noch am Anfang, nimmt aber Fahrt auf. Wir werden keine abschließende Antwort geben können. Aber wir realisieren, wie sehr diese Fragen auch unsere politische Arbeit und die Politik im Allgemeinen beeinflussen. Denn wenn es generationenübergreifende und kollektive Traumata gibt, dann ist das auch für die Weiterentwicklung unserer Demokratie von Bedeutung. Wenn das gesellschaftliche System im Schatten der Vergangenheit steht, kann es nicht mehr nur um die emotionalen, psychologischen Voraussetzungen der Einzelnen, die in der Demokratie mitwirken, gehen. Die Widerstände, die Spaltung, die Überlastung, mit denen wir es ständig zu tun haben, brauchen dann ganz andere Beachtung und andere Prozesse, um sie mit einzubinden oder aufzulösen. Es bedeutet einen großen Unterschied, ob ein Haus auf einem belasteten, kaum tragfähigen Untergrund steht oder ob nur einzelne Säulen und Träger des Hauses stabilisiert und unterstützt werden müssen. Wird ein Haus auf Sand gebaut, ist die Architektur und Statik eine andere, und die Architekt:innen dieser Bauten brauchen andere Zusatzkompetenzen. Wenn wir gesellschaftlich von kollektiven Traumata betroffen sind, wie gehen wir dann damit um?
Allein der Gedanke daran mag uns überfordern, doch die Perspektive, dass auch kollektive Traumata bearbeitet werden können, um ganze Gesellschaften zu entlasten, weckt Hoffnung. (…)
Die Besonderheit an kollektiven Verletzungen ist, dass sie nur im einzelnen Menschen sichtbar oder erlebbar sind und auch nur im Einzelnen erlöst werden können, um sich nicht weiter zu vererben. Aber die Verarbeitung, die Integration kollektiver Traumata ist wiederum kollektiv, also auch in Gruppen möglich. Das heißt, wenn wir uns in Gruppen gemeinsam unserem geschichtlichen Trauma zuwenden, können wir, jeder Einzelne, in der Gemeinsamkeit die Erfahrung machen, dass sich der belastende Schatten, das Trauma, verändert. (…)
Die Belastbarkeit der Gesellschaft hängt auch von der Verarbeitung kollektiver Traumata ab, Wenn wir über Generationen unsere geschichtlichen Erblasten mit uns tragen, sind wir auch gesellschaftlich weniger konfliktfähig und umso reizbarer. Außerdem können wir gesellschaftlich nicht angemessen auf neue Krisen antworten, wenn diese alte Muster triggern. (…)
Ob individuell oder kollektiv, Traumata fragmentieren und lassen Systeme zerbrechen. Die abgespaltenen Erlebnisse führen nicht nur zu einer Trennung in der Person, sondern erzeugen auch eine Distanz zum Außen. In einem aufgeladenen kollektiven Traumafeld verstärkt sich diese Spaltungsenergie. So können regelrechte Gespenster entstehen. Die innere Trennung wird nach außen projiziert und das aktuelle Gegenüber mit dem damaligen Feind oder Gegner gleichgesetzt. Das ist ein Urgrund von Zerrissenheit. Da dies unbewusst abläuft, kann es umso schwerer überwunden werden. Das Außen wird bedrohlicher, sei es die Politik, die Migranten, die anderen. Letztlich spielen sich die damaligen Dramen erneut ab und werden sogar reinszeniert. Die Geschichte wiederholt sich auch im Kleinen.
aus: Claudine Nierth, Roman Huber: Die zerrissene Gesellschaft. So überwinden wir gesellschaftliche Spaltung im neuen Krisenzeitalter, München 2023
Wir sind Erinnerung: Gedächtnis und Persönlichkeit
[Es] ist uns in der Regel kaum bewußt, daß fast alles, was wir tun oder sagen, von der reibungslosen und raschen Arbeit unserer Gedächtnissysteme abhängt. Überlegen Sie sich einmal, was zu einer ganz einfachen Handlung alles gehört, etwa, wenn Sie sich mit einem Freund in einem Restaurant verabreden. Zunächst einmal müssen Sie sich an den Namen und die Telefonnummer des Freundes erinnern, außerdem an all die Informationen, die Sie brauchen, um die telefonische Verbindung herzustellen. Dann müssen Sie mit Hilfe Ihres Stimmgedächtnisses die Person, die sich am anderen Ende der Leitung meldet, als Ihren Freund identifizieren. Um Ihren Teil zu dem anschließenden Gespräch beitragen und um verstehen zu können, was der andere Ihnen sagt, müssen Sie fortlaufend ein inneres Verzeichnis mit Wörtern, Lauten, Bedeutungen und syntaktischen Regeln konsultieren. Zum gegebenen Zeitpunkt müssen Sie Ihre Erinnerungen an Restaurantbesuche durchmustern oder die Empfehlungen abrufen, die Sie über neue Lokale gehört haben, um zu entscheiden, welches Restaurant geeignet wäre. Sie müssen in der Lage sein, sich an alle möglichen Persönlichkeitsmerkmale des Freundes zu erinnern, an seine Interessen und an andere Aspekte, deren Berücksichtigung dazu beitragen kann, daß der Abend in einer harmonischen und friedlichen Atmosphäre verläuft. Später müssen Sie die Kenntnisse und Fertigkeiten mobilisieren, die Sie brauchen, um die erforderliche Ortsveränderung zu bewerkstelligen. Schließlich müssen Sie sich alle anderen Verpflichtungen in Ihrem Leben vergegenwärtigen, damit Sie das Treffen nicht auf eine Zeit legen, in der Sie schon etwas anderes geplant haben.
All diese Gedächtnisleistungen verrichten wir ganz selbstverständlich, da ihnen die nahezu vollkommenen Speicher- und Zugriffssysteme unseres Gedächtnisses zugrunde liegen, deren Prozesse so komplex sind, daß selbst modernste und leistungsfähigste Computer nicht in der Lage sind, diese Aufgabe so rasch und mühelos zu erledigen wie wir. Und vergleichbare Anforderungen bewältigen wir unzählige Male im Verlaufe jedes einzelnen Tages unseres Lebens. (…)
Doch in letzter Zeit ist das Gedächtnis in Verruf geraten. (…) Wir lesen merkwürdige Geschichten von Menschen, die sich in allen Einzelheiten an Entführungen durch Außerirdische erinnern. Und wir erfahren, daß Neurowissenschaftler einfache Methoden entwickelt haben, mit denen sie lebhafte Erinnerungen an Ereignisse induzieren können, die nie stattgefunden haben!
Folgt daraus, daß das Gedächtnis, so genau es auch in den meisten Situationen arbeitet, doch nicht so zuverlässig ist, wie wir einst glaubten? Oder daß seine Zuverlässigkeit von den Umständen abhängt? Daß es in manchen Situationen oder unter bestimmten Bedingungen sehr genau arbeitet – etwa, wenn unser Wohlbefinden oder sogar unser Überleben auf dem Spiel steht – und unter anderen Umständen nicht so genau? Oder daß es außerordentlich zuverlässig ist, wenn es gilt, einen allgemeinen Eindruck von vergangenen Augenblicken aufzurufen, aber weit weniger exakt, wenn es um genaue Einzelheiten geht? (…)
Seit Jahrhunderten versuchen Philosophen und Schriftsteller das Geheimnis des Gedächtnisses zu ergründen, und seit mehr als hundert Jahren setzen sich Wissenschaftler mit den Problemen des Erinnerns und Vergessens auseinander. Lange Zeit waren nur langsame Fortschritte zu verzeichnen, doch in den letzten zwanzig Jahren hat die Gedächtnisforschung erhebliche, teilweise sogar revolutionäre Veränderungen erlebt. Vor allem sind wir heute zu der Überzeugung gelangt, daß das Gedächtnis nicht eine einzige oder einheitliche Fähigkeit des Geistes ist, wie man lange Zeit angenommen hat, sondern daß es sich aus einer Vielzahl verschiedener und gesondert zu betrachtender Prozesse und Systeme zusammensetzt. Jedes System beruht auf einer besonderen Konfiguration von Netzwerken im Gehirn und umfaßt verschiedene neuronale Strukturen, die alle eine hochspezialisierte Rolle innerhalb des Systems spielen. Dank bildgebender Verfahren können wir beobachten, wie die einzelnen Teile des Gehirns zu verschiedenen Gedächtnisprozessen beitragen. (…)
Doch zum Gedächtnis gehört mehr als nur das Erinnern vergangener Dinge. Mit der Erkenntnis, daß das Gedächtnis nicht ein einziges einheitliches System ist, hat sich uns eine ganze Welt von impliziten, nichtbewußten Erinnerungen erschlossen, der wir verdanken, daß wir mühelos Aufgaben bewältigen können wie radfahren oder Klavier spielen, ohne daß wir dabei jede Bewegung bewußt kontrollieren müßten. Oft möchte man glauben, Erinnerungen dieser Art seien in den Fingern gespeichert, doch aus neueren Untersuchungen geht hervor, daß für die nicht bewußten Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart bestimmte Gehirnsysteme verantwortlich sind. (…)
Erinnerungen halten fest, wie wir Ereignisse erlebt haben, sie sind keine Kopien dieser Ereignisse. Erfahrungen sind in Gehirnnetzwerken kodiert, deren Verbindungen bei früheren Auseinandersetzungen mit der Welt angelegt worden sind. Dieses bereits vorhandene Wissen beeinflußt entscheidend, wie wir neue Erinnerungen kodieren und speichern, und prägt damit die Natur, Textur und Qualität dessen, an was wir uns später erinnern.
Diese und ähnliche Erkenntnisse haben uns vor Augen geführt, wie anfällig das Gedächtnis ist – warum unsere Erinnerungen so leicht durch suggestive Einflüsse getäuscht werden können und daß wir die Vergangenheit manchmal scheinbar grundlos entstellen. Und allmählich verstehen wir auch, warum einige Erinnerungen die Macht haben, uns zum Weinen, Lachen oder Zittern zu bringen. Noch haben wir beileibe kein vollständiges Bild von den Funktionen des menschlichen Gedächtnisses, doch nach Jahrhunderten, in denen es kaum Fortschritte gab, erkennen wir allmählich, wo viele der Puzzleteile hingehören. (…)
Das Gedächtnis, dieser komplexe und gewöhnlich so zuverlässige Faktor, kann uns gelegentlich gründlich hinters Licht führen. Doch auch wenn das Gedächtnis sich in manchen Situationen gänzlich verweigert und in anderen völlig falsche Informationen liefert, bildet es die Grundlage von tiefverwurzelten Überzeugungen, was die eigene Person anbelangt. Einmal habe ich einen Patienten mit schwerer Kopfverletzung befragt, dem viele liebgewordene Erinnerungen fehlten; er sagte, er habe mit ihnen auch sein Ich-Gefühl verloren. (…)
Das Gedächtnis spielt eine zentrale Rolle im Versuch des Gehirns, die Erfahrung zu verstehen und zusammenhängende Geschichten über sie zu erzählen. Mehr als diese Geschichten haben wir nicht über unsere Vergangenheit, daher bestimmen sie ganz wesentlich, wie wir uns sehen und was wir tun. Doch unsere Geschichten setzen sich aus vielen verschiedenen Elementen zusammen: Schnipseln dessen, was tatsächlich geschehen ist, Gedanken über das, was hätte geschehen können, und Überzeugungen, von denen wir uns bei unserem Versuch, uns zu erinnern, leiten lassen. Unsere Erinnerungen sind die hinfälligen, aber machtvollen Produkte dessen, was wir aus der Vergangenheit behalten, über die Gegenwart glauben und von der Zukunft erwarten.
aus: Daniel L. Schacter: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit. Deutsch von Hainer Kober, Reinbek bei Hamburg 1999.